ESC 2016, Stockholm, Copyright CC BY 3.0
ESC 2016, Stockholm, Copyright CC BY 3.0

Es ist so weit – European Song Context. Jedes Jahr im Mai treffen sich Musikantinnen und Musikanten aus dem ganzen Kontinent und messen sich im Streit des Liedes um die Gunst des Publikums. Das ist doch der europäische Gedanke in seiner besten Art und Weise. Gemeinsam feiern, die Besonderheiten der europäischen Länder präsentieren und sich dabei dennoch als eine große Gemeinschaft fühlen. Mit Liveschaltung nach China. Selbst Australien ist zu Gast (2015, 2016), gerne auch Marokko (1980), und Israel gehört seit 1973 fest dazu. Ein fröhliches Miteinander von Lissabon bis Baku.

Ich freue mich drauf. Einmal im Jahr bin ich auch bereit, schön schnulzige Musik zu genießen. Oder eher den Rahmen mit viel Pomp und den kleinen Geschichten aus den entlegendsten Winkeln unseres Kontinents. Früher (1966-1972 und 1977 – 1998) war es zudem die Chance, Lieder auf Niederländisch, Isländisch oder Serbokroatisch zu hören. Also für mich von 1977 – 1998. Heute taucht immer mal ein Lied in Originalsprache auf, aber Englisch hat sich leider bei fast allen Beiträgen durchgesetzt. Nationale Unterschiede sind vor allem in der Art der Präsentation zu erkennen. russisch-bombastisch, balkanpopbunt, oder auch Geheule und Gejauchze. Ja und dann sind da immer zwei, manchmal drei, besondere Lieder, da stimmt es einfach, eine feine zarte oder eine klare durchdringende Stimme, gapaart mit einer schönen Melodie, einem stimmigen Arrangement und einem Zauber im Vortrag. Das wird mein Favorit, wie z.B. 2014 der niederländische Beitrag von den Common Linnets, “The Calm after the Storm”.

Wenn es zudem hymnisch ist, einen eingehenden Rythmus hat oder ein besonders überzeugendes Element, einen markanten Hook, dann purzeln auch die Punkte, twelf point, zwölf punkt, twalf punten. Zwei Mal standen bisher deutsche Interpreten vorn, Nicole 1982 mit “Ein bischen Frieden” und 2010 Lenas Sattelite.

Und wann kommt Nederland?

Doch wie schnitten die Niederländer bisher ab? Außer den Common Linnets, die 2014 den zweiten Platz belegten, wüsste ich spontan keinen Beitrag. Das mag daran liegen, dass unsere westlichen Nachbarn in den letzten Jahren nur sehr selten im Finale auftauchten. Seit 2000 ganze sechs Mal. Das konnte auch 2015 Trijntje Oosterhuis nicht ändern. Die beste Platzierung seit 1980 erreichte Edsilia Rombley mit dem Lied “Hemel En Aarde”.

Frühe Siege zwischen Schlager und Disco

Vor 1980 allerdings, da war für Deutschland ein dritter Platz das Höchste der Gefühle, stimmten die Jurorinnen und Juroren vier Mal für die Niederlande. 1975 erstmals nach dem 12-Punkte-Modus. Zwei Siege gelangen 1957 und 1959, gleich bei der zweiten und vierten Auflage des Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie es seinerzeit noch hieß. 1957 überzeugte Corry Brokken mit einem klassischen Schlager “Net als toen”.

Zwei Jahre später sang Teddy Scholten eher kess-beschwingt “Een Beetje”. Mit diesem Lied hatte sie auch internationalen Erfolg.

Es dauerte zehn Jahre, bis 1969 Lenny Kuhr mit ihrem Chanson, “De Troubadour” erneut das Siegerpodest besteigen konnte, allerdings punktgleich mit drei weiteren Beiträgen.

1975 war das Jahr nach ABBA, man traf sich genau wie 2016 in Stockholm. Der niederländische Beitrag “Ding Dinge Dong” von Teach In gewann, im besten 1970er Disco Sound.

2016 – mehr Geruhsamkeit mit Douwe Bob

Und 2016? Für die Niederlande tritt Douwe Bob an mit seinem Appell zu mehr Geruhsamkeit. “Slow Down” heißt seine Ballade mit Country-Anklängen. Im Halbfinale nahm er sein Motto wörtlich und unterbrach die Präsentation für ganzen zehn Sekunden Stille. Mutig.

Für das Finale hat es gereicht. Ein guter Wasserstandsmesser für die dortigen Chancen sind die Wettquote der englischen Buchmacher. Die steht für Douwe Bob bei 1:67, sie trauen ihm also nicht so viel zu. Russland ist ihr Favorit, bei 1:1,5. Und wie stehen die deutschen Chancen für Jamie-Lee Kriewitz? Abgeschlagen mit 1:255. Am Samstagabend so gegen 23.30 Uhr sind wir schlauer. Vielleicht jubelt man ja diesseits oder jenseits der Grenze über überraschende twelf point, douze points, zwölf Punkte.