Zeltplatz Enkhuizen
Ausblick aus dem Zelt – Regen auf Holland

Camping in Holland. Das kann sehr schön sein, die würzige Seeluft kriecht bis in den Schlafsack hinein, das Wellenrauschen ist bloß eine Düne entfernt und nur ein Reißverschluss trennt einen von der Natur. So kann es sein. Es geht aber auch anders. An solch einem Tag entstand die Idee zu folgendem Text, den ich 2008 für die Lesebühne Schmalz und Marmelade in Schwerin geschrieben habe. Beim Stöbern in meinem Textarchiv bin ich drüber gestolpert.

Holland meint in diesem Text, mal ganz politisch unkorrekt, die Niederlande.

Regen der auf Holland fällt

Gemessen an der Gesamtmenge des Wassers auf der Erde und der jährlichen Niederschlagsmenge regnet ein Wassermolekül durchschnittlich alle 1000 Jahre auf die Erde nieder. Somit dauert es ganz schön lange, bis ein Regentropfen, wenn er einmal herunter geregnet ist, erneut regnen darf. 1000 Jahre sind natürlich nur der Durchschnitt. Der eine Regentropfen verdampft sofort und regnet ziemlich bald erneut, ein anderer dümpelt hunderttausende von Jahren in tiefen Erdhöhlen vor sich hin, bis sich ein Mineralwasserbrunnen mal erbarmt, nach ihm zu bohren. Wie im richtigen Leben: der eine hat Glück, der andere eben Pech!

Das Schicksal eines Tropfens entscheidet sich just in dem Moment, da er der Mutter Erde Schoß berührt. Dann wird Gewissheit, ob ein durstiges Maul von wiederkäuendem Weidevieh schlabbernd den erfrischenden Trank erwartet, ob rohe Kapillarkräfte monströser Wurzelgeflechte dem unglücklichen Tropf aufsaugend auflauern oder Abermilliarden Artgenossen des Ozeans die Arme zum Willkommensgruß ausbreiten.

War der Tropfen noch fröhliche Reisegesellschaft für die glücklichen Minuten des freien Falls, heißt es nun Abschied nehmen. Im unerbittlichen Konkurrenzkampf der H2O-Partikel zählt nur noch das Molekül, Solidarität war gestern. Vom ersten Bodenkontakt an heißt das alleinige Ziel: das nächste Mal auf Holland regnen. Nur so ist zu erklären, dass es derart viele immer wieder schaffen. Gar nicht wenige verfehlen ihr Ziel nur knapp, die bekommt dann das Rheinland ab!

Aber die Aufgabe ist gar nicht so einfach, macht die Fläche dieses possierlichen Landes doch gerade mal 1/100 Prozent der Erdoberfläche aus. Der schnelle Leser hat längst nachgerechnet, dass es da im Durchschnitt 10 Millionen Jahre dauert, bis so ein armes Molekül einmal auf Holland regnet. Im Durchschnitt wohlgemerkt!

Das ist Stress pur: günstige Strömungen suchen, den richtigen Moment zum Verdunsten finden und sich dann in moderater Höhe einer gemütlichen Nimbostratus anschließen, die einen hoffentlich über dem Land der Polder und Windmühlen abwirft. Egal ob aus der mongolischen Steppe, der Mecklenburgischen Schweiz oder den unendlichen Weiten des Südpazifiks: aufs gelobte Land zu regnen, das ist Ziel und Erfüllung zugleich.

Jahr für Jahr gibt es unter Wassermolekülen den auf-Holland-regnen-Wettbewerb. Das Molekül, dem das am häufigsten gelingt, ist der ungekrönte König unter Seinesgleichen.

Ungekrönt deshalb, weil noch niemand eine so kleine Krone gebaut hat.