Inseltagebuch Texel – Teil 2: Salzgewächse, Schafskäse, Schiffbrüche

De Slufter
De Slufter – Natur zwischen Land und Wasser

Der zweite Tag auf der Insel, ich war auch heute nicht in der Nordsee schwimmen. Nicht, dass ich es mir fest vorgenommen hätte, doch die Frage ist schon gegenwärtig, wenn man hier an der Nordsee ist. Einmal wenigstens eintauchen in die Wellen, darauf hätte ich schon Lust. Allerdings habe ich noch nicht einmal die Temperatur getestet. Gestern sah ich einige Badende, mutig, denn die Wellen waren schon recht hoch. Ich denke, ich werde wohl beim Bewährten bleiben: am Strand sitzen, etwas barfuß durch den Sand laufen, salzige Luft inhalieren und mich ansonsten für die Weite begeistern. Mehr brauche ich an der Nordsee nicht!

Der Tag heute war gut verplant, im Zweistunden-Takt standen Programmpunkte an. Zusätzlich wurde mir eine besondere Aufgabe zugetragen: Ich durfte heute im Namen der VVV Texel, also des örtlichen Tourismusbüros, das Instagram-Account TijdVoorTexel übernehmen. Aufregend! Meine Aufgabe war es, im Laufe des Tages bei allen Aktivitäten Instagram-Storys zu posten. Die VVV hat mich bei der Organisation dieser Reise sehr unterstützt (vielen Dank!), so durfte ich auch über diesen Tag berichten.

Strandgut und Schiffbruch

Mein erster Programmpunkt führte mich ins Maritiem- und Juttersmuseum Flora, etwas außerhalb von De Koog gelegen. Für mich eine Premiere. Andere Museen, die sich ebenfalls dem Strandgut widmen, habe ich bereits besucht, doch das größte seiner Art bisher noch nicht.

Juttersmuseum Flora
Eine Hütte voller Strandgut – Juttersmuseum Flora

Beeindruckend! In mehreren Häusern sind bis unter die Decke Fundstücke gelagert, die das Meer hier auf Texel wieder an Land gespült hat. Und das sind nicht nur Flip-Flops und Taucherbrillen! Es sind auch Schutzhelme in allen Farben, hunderte Glasflaschen, Rettungsringe, Bojen und Fender, Funk- und Kriegstechnik. Und wenn mal wieder ein großes Containerschiff seine Ladung verliert, so wie die MS Zoe 2019, dann landen auch Turnschuhe, Kinderkleidung und Lukas-Podolski-Puppen am Strand von Texel (und Terschelling).

Es fiel mir auf, dass viele Menschen Strandgut sammeln. Einige Sammlungen wurden komplett an das Museum gespendet.

Ein weiterer Schwerpunkt des Museums ist die Dokumentation von Schiffsbrüchen. Es passiert gar nicht so selten, dass ein Schiff vor Texel auf Grund läuft und geborgen werden muss. Die Fälle werden anhand von Zeitungsartikeln und Filmen erzählt. Überhaupt: Hier hat jeder Gegenstand eine Geschichte zu erzählen.

Dass die Museumsbetreiben auch ein künstlerisches Händchen haben, zeigt sich an der Zusammenstellung der Ausstellungsstücke. Aus farbigen Rohren entsteht ein Mosaik in allen Regenbogenfarben, Plastikspielzeug wird farblich kombiniert zu Kunstwerken zusammengestellt. Allein der Turm der Gummihandschuhe und die Wand der Schutzhelme ist eine künstlerische Installation.

Es ist ein Museum für die ganze Familie, auch Kinder werden spielerische mitgenommen in die Welt des Strandguts und der Gefahren auf hoher See. Beim nächsten Texelbesuch unbedingt einplanen!

Schafe, Landschaft, Käsefondue

Bereits gestern war ich hier auf der Geheimnisroute entlang geradelt, heute war es meine zweite Station und die Einkehr zum Mittagsmahl. Zwischen Den Burg und Den Hoorn, also eher im Süden von Texel, liegt der größte Käsehof der Insel mit Namen Wezenspyk.  Hier werden die verschiedensten Käsesorten zubereitet, aus Kuhmilch, aus Schafsmilch und mit verschiedene Gewürzen. Auch in unterschiedlich großen Portionen: für den Supermarkt in den großen Rädern zu 25 Kilogramm, für die touristischen Andenken in den kleinen Kugeln zu 500 Gramm. Und noch einiges dazwischen. Für die Gastronomie beispielsweise in eckigen Laibern. Diese hatte ich bisher noch nicht gesehen.

Käsehof Wezenspyk
Hier reift das Lager des Käsehofs Wezenspyk

Bevor es zum Käse-Fondue ging, durfte ich eine Blick in das Lager werfen. Ein angenehmer, leicht aromatischer Duft erfüllte den Raum, in dem die Laiber reifen. Der alte Käse bis zu einem Jahr und der überreife sogar vier Jahre. In dieser Zeit verliert der Käse nochmals etwa ein Viertel seines Gewicht, da er Flüssigkeit verdampft. Gelagert wird der Käse übrigens gar nicht kühl. Ich vermute, der Lagerraum hatte angenehme 17 Grad. Auch daheim muss der Käse gar nicht kalt gelagert werden, so stand es im Café groß geschrieben unter der Rubrik “Wussten Sie schon?”.

Wer hat es erfunden? Die Niederländer!

Und dann das Fondue: eine Melange aus drei Käsesorten. Einer davon mit Knoblauch und einer mit scharfer Note nach Sambal, sehr köstlich mit angenehmer Schärfe. Dass es auch in den Niederlanden eine Tradition des Käsefondues gibt, weiß ich noch aus Studienzeiten. Während meines Austauschjahres gab es sogar in der Mensa der Universiteit van Amsterdam regelmäßig Käsefondue. Allerdings recht unspektakulär: geschmolzener Käse in einer Dessertschüssel, Baguettebrötchen dazu, fertig.

Das heutige Fondue wurde mit drei Käsesorten und Liebe kredenzt. Und neben den Brotstückchen gab es auch Gemüsestückchen zum Eintunken. Köstlich!

Texeler Schafstall
Typischer Schafstall, Schafsmuseum der Kaasboerderij Wezenpyk

Beim Fondue hieß es aber auch heute: beeilen! Sonst verhielt es sich, wie bei Asterix bei den Schweizern (mit den ganzen Fäden, die die Fonduegesellschaft nach und nach zusammenbinden). Sprich: tunke das Brot, solange der Käse flüssig ist. Doch das gelang mir heute gut.

Gestärkt ging es weiter zu meinem Ausflug in die Natur nach De Slufter.

De Slufter – Naturgebiet zwischen Land und Meer

Eine Schorre ist ein Gebiet, das meist trocken liegt, aber mehrfach pro Jahr von Meerwasser überflutet werden kann. Ein solches Gebiet, eines der größten in den Niederlanden, ist De Slufter. Bei der Einpolderung der Insel Eierland, bei der Texel in der heutigen Form entstand, wurde entlang der Küstenlinie ein hoher Deich aufgeschüttet. Im 19. Jahrhundert brach dieser jedoch mehrfach, sodass irgendwann der Sieg der Natur akzeptiert wurde. Es wurde keine weitere Reparatur unternommen und das Gebiet De Slufter zu einem 700 Hektar großen Naturgebiet erkoren.

Führung durch De Slufter
Seltene Pflanzen auf salzigen Wiesen – Naturwanderung durch De Slufter mit TX-Gids

Für heute Nachmittag stand eine Führung durch dieses einzigartige Naturgebiet auf meinem Plan. Mit einer Gruppe von sieben und unserem Texel-Guide Marcel Wijnalda von TX-Gids.

De Slufter wird etwa drei Mal im Jahr von Salzwasser überspült. Es ist ständig durchzogen von Prielen, Brackwasser und kleinen Strömen, die bei jeder Flut voll laufen. Die Vegetation muss sich daher anpassen. Es hat sich eine besondere Pflanzenwelt etabliert, die unterschiedliche Strategien entwickelt hat, mit dem Salzwasser zu leben. Hier wächst der Queller, Schlickgras, Löffelkraut und die Strandaster. Hier wachsen in jeder Zone unterschiedliche Gräser, je nach ihrer Salztoleranz. Ein ganz fein abgestimmtes Biotop.

Unter fachlicher Anleitung von Marcel Wijnalda durften wir einige Pflanzen auch kosten. Diese schmecken köstlich oder auch etwas salzig, wie der Queller, den es sicher für teures Geld in japanischen Spezialitätenrestaurants als Gemüsebeilage gibt. Andere bitte nicht essen!

Vitamin C und die Rettung der Nord-Expedition

Viele der pflanzen haben einen unerwartet hohen Vitamin-C Gehalt. Und eine Pflanze rettete sogar das Leben einer auf Nowaja Semlja gestrandeten Expedition, die die Nordroute nach Japan finden sollte. Einen ganzen Winter Kräuter unter dem Schnee suchen, hm. Wohl besser als an der Seefahrerkrankheit Skorbut zu sterben, ja, aber ich weiß doch nicht.

Bei all der Pflanzenkunde genoss ich vor allem den sonnigen Nachmittag. Den salzigen Duft des Bodens und des Meeres. Mitten in der Natur durfte ich in Gummistiefeln durch die Priele stapfen. Ein kleines Abenteuer.

Welche Eier kommen aus Eierland?

Eine interessante Geschichte hörte ich an diesem Nachmittag. Dadurch löste sich auch endlich ein lange gehütetes Geheimnis. Der nördliche Teil von Texel, rund um den Leuchtturm, heißt Eierland. Wieso? Das hat seinen Ursprung im Goldenen Zeitalter der Niederlande.

Viele Schiffe machten damals in der Hafenstadt Oudeschild fest. Dort mussten sie auf günstigen Wind zur Weiterfahrt warten. Bei dieser Gelegenheit luden sie Wasser an Bord und vor allem Schiffszwiback. Es lagen teilweise bis zu hundert Schiffe der Ostindien-Compagnie vor Oudeschild und warteten auf ihre Weiterfahrt. Der Bedarf an Schiffszwieback war groß, zu jener Zeit. Zur Herstellung der Schiffersnahrung wurden Eier benötigt. Da es damals noch keine großen Hühnerzuchten gab, wurden für Möweneier verwendet. Denn Möwen legen, wird ihnen eines der drei bis vier Eier pro Nest genommen, einfach eines nach. So gab es eine stete Quelle an Möweneiern, die bei vorsichtiger Nutzung auch nicht versiegte. Auf der damaligen Insel Eierland gab es eine genügend große Möwenkolonie, die Eier lieferte. Mit der Einpolderung gehörte Eierland später zu Texel. Der Name des Gebiets blieb bestehen, so heißt der Leuchtturm heute noch Eierland.

Leuchtturm im Abendlicht

Und da ich schon fast beim Leuchtturm war, fuhr ich zum Abend hinauf nach Eierland. Die Abendsonne tauchte den roten Turm in ein sanftes Licht. Der Strand rund um den Leuchtturm ist inzwischen recht gewachsen. Vor einige Jahren wurde eine 500 Meter lange Mauer ins Meer hinein gebaut. Hinter dieser sammelt sich nun der Sand, so entstand dort ein Strand von enormer Breite. Ich ging also nicht bis ans Wasser!

Leuchtturm Eierland, Texel
Abendstimmung am Leuchtturm

Doch freute ich mich über die Aussicht nach Vlieland und grüßte die Insel von 2019. Damals genoss ich den Texelblick, heute ging der Gruß zurück. Bei einem Glas Wein im Strandpavillon Faro ließ ich den Abend ausklinge. Der zweite Tag auf der Insel neigte sich seinem Ende zu.

Danke

Danke allen, die mich bei dieser Reise unterstützt haben, die ich bereits im ersten Teil des Inseltagebuchs Texel erwähnte.

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Das Inseltagebuch von Texel – was sonst noch geschah:

Inseltagebuch Texel Teil 1

Inseltagebuch Texel Teil 3

 

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Über Oliver

Oliver Hübner ist Blogger und Autor - Webtextler und Westostler. Begeistert für drop, fiets, patat, Amsterdam, noordzee, stroopwafels und Nederlands praten, kurzum, für das schöne Land an Maas und Waal. Geboren in Unna, Studium in Berlin und Amsterdam, pendelt zwischen Ruhrgebiet und Mecklenburg-Vorpommern.

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