Vlieland Blick auf die Nordsee
Auf Vlieland ganz oben: Blick vom Leuchtturm auf die Nordsee

Endlich aufs fiets

Heute ging es auf Rad! Und auf den Leuchtturm! Sogar das Wetter spielte mit! War es gestern noch stürmisch, kühl und echt ungemütlich, so brachte heute strahlender Sonnenschein und blauer Himmel den Sommer zurück auf die Watteninsel Vlieland.

Beim Blick hinaus heute früh stieg gleich das Gemüt! Sonne, ein leichter Wind, Schäfchenwolken. Nicht, dass ich damit nicht gerechnet hätte, Smartphone sein dank, aber wenn es dann auch tatsächlich eintrifft, ist es beruhigend. Doch das schlechte Gewissen meldet sich: erst um 9 Uhr zum Frühstück gehen! Der frühe Vogel … muss sich wohl erst stärken.

Zu Fuße des Leuchtturms

Aber dann: Rad leihen, ich bekam ein Batavus. Und ich wählte wohl mit Zeelen den etwas teureren Verleih, 8 € für zwei Tage für ein ordentlich Rad mit einigen Gängen, bei Frisia, ein Stück die Dorpstraat runter, hätte ich wohl einen oder zwei Euro pro Tag gespart. Wobei ich ja lieber eine Gazelle genommen hätte, aber hey!

Erster Weg: Leuchtturm. Der Leuchtturm von Vlieland ist knallrot und als Gebäude nicht wirklich hoch, lediglich 18 Meter. Aber er steht auf einer hohen Düne oberhalb des Ortes Oost-Vlieland und sein Leuchtfeuer ist so auf gleicher Höhe, wie die benachbarten Türme an der niederländischen Küste.

Leuchtturm Vlieland
Der Turm ist klein, doch steht er hoch – Leuchtturm Vlieland

Ich steige die Stufen des Weges hinauf, bis ich den Turm erreiche. Schon vom Fuß des Turms ist der Ausblick herrlich: Wattensee hier, Nordsee dort, Terschelling da hinten und unten die roten Dächer des Inseldorfes. Ich sitze und blicke in die Weite und bin erfüllt vom Duft der Nadelwälder und des Seewindes. So geht Inselurlaub. Ich denke ich könnte hier einfach sitzen bleiben und genießen. Wenn ich vier Stunden sitzen bliebe, dann könnte ich direkt den Turm besichtigen, der erst heute Nachmittag die Pforten für Besuche öffnet. Doch 18 Meter höher oder niedriger, die Aussicht genieße ich doch bereits. Bis die Bagger da unten im Tal, ja ein Tal, so fühlt es sich an, ihren Motor anschmeissen und das Idyll jäh trüben.

Tief im Osten

So stieg ich die Düne wieder herab, den Wanderweg, der hier wandelpad heißt, am Leuchtturm vorbei und wieder runter zur Straße, wo mein fiets parkt. Mit dem Ausblick auf einen stürmischen Nachmittag wagte ich noch nicht die große Fahrradrunde zum westlichen Teil der Insel, sondern fietste durch den Ort zurück. Vorbei am Hafen, auch vorbei am Yachthafen, zur östlichen Spitze von Vlieland.

Von hier sind es es etwa fünf Kilometer über die Nordsee bis zur Nachbarinsel Terschelling. Der eckige Leuchtturm zeichnet sich deutlich über der Silhouette der Insel ab, Häuser sind zu erkennen, auch die einzelnen Erhebungen der Dünen. Zwischen beiden Inseln ist die Hauptfahrroute der Schiffe von der Nordsee zum Hafen von Harlingen. Daher war auch Hochbetrieb im Fahrwasser, Segelschiffe und Fähren vor allem, Yachten, Plattbodenschiffe, sogar einige Dreimast-Klipper zogen vorbei. Die Fähren nach Vlieland fahren hier nur wenige Meter vom Strand entfernt durch ihre Fahrrinne.

Fahrrad auf Vlieland
Bis hierher mit dem fiets – am östlichen Ende der Insel

Vor allem suchte ich diesen Ort zur Mittagszeit auf, um dem zweiten Strandpavillon der Insel eine Besuch abzustatten, dem Strandpavillon Oost. Doch die einfache Gemüsekrokette, die mir als Mittagsmahlzeit vorschwebte,  gab es auch hier nicht. Ebenso wie das Badhuys, bietet auch dieses Strandlokal eher die gehobene Küche. Viele Gerichte mit Fisch, Muscheln und Meeresfrüchten, abends sogar ein Überraschungsmenü, das, wäre ich Fischfreund, wirklich spannend klang. Doch an vegetarischen Alternativen und dem schlichten Mittagsmahl mangelte es. Ich fragte mich kurzzeitig, ob ich wohl auf das niederländische Sylt geraten wäre, doch so exklusiv empfand ich das Inseldorf dann nicht. Allein die einzigen beiden Strandpavillons. Es gab Salat und den Blick auf Terschelling. Auch hier blieb ich einfach sitzen, suchte sogar einen schattigen Platz, so sehr wärmte die frühherbstliche Sonne hoch am Himmel.

Eine Weile verbrachte ich am Strand, fühlte mich mit meiner langen Hose deutlich overdressed, was die Temperatur anging. Des vorsorglich angezogene Unterhemdes konnte ich mich noch entledigen. Strandhighlight: Ich ging eine Runde barfuß durch das seichte Wasser der Priele, sah den Möwen beim Sonnen und beim hinauf und hinab Stolzieren zu. Doch auch von diesem friedlichen Ort musste ich mich nach einer Weile verabschieden.

Friedlich? In der Nachsaison scheinen die Watteninseln ein beliebtes Trainingsrevier für die Niederländische Luftwaffe zu sein. Das war über einen längeren Zeitraum heute kaum zu überhören. Doch der Blick auf die langsam dahinziehenden Segel beruhigten den Geist und es kehrte schnell das entspannte Nordseegefühl wieder ein. Auch wenn die Wellen heute kaum mehr als an den Strand plätscherten.

Blick auf beide Nachbarn: auf dem Leuchtturm ganz oben

Eine kurze Mittagsruhe im Hotel lud die Akkus wieder auf, meines und das der mobilen Kommunikationstechnik. Erholt ging es in den Nachmittag. Der Leuchtturm hatte Besuchszeit, das Inselmuseum ebenso. Und später sollte es ja noch stürmisch werden.

Oliver Hübner auf dem Leuchtturm Vlieland
Das Wattenmeer ist auf der anderen Seite, Blick über Oost-Vlieland vom Leuchtturm

Sagte ich, dass 18 Meter mehr oder weniger zur Qualität der Aussicht nicht beitragen würden? Weit gefehlt. Konnte ich heute Vormittag noch Wattenmeer, Nordsee, einige Dächer des Inselortes und die Ferienhäuser im Norden von Oost-Vlieland bestens einsehen, so ergab sich von der Aussichtsplattform des Leuchtturms nochmals ein ganz anderes Bild. Zu meines Überraschung war in der Ferne selbst der Leuchtturm von Texel und ein großer Teil der östlichen Küste der großen Nachbarinsel zu erkennen. Auch Terschelling im Osten erschien deutlicher und das Dorf samt Hafen breitete sich zu Füßen des Leuchtturms kompletter vor mit aus, als es die eingeschränkte Perspektive durch das Buschwerk am Vormittag ermöglichte. Es wehte bereits ein steifer Wind, so pfiff es mir im Freien ordentlich um die Ohren. Doch die Höhe, da bin ich durchaus empfindlich, war erträglich.

Modell von West-Vlieland
Von den Wogen verschlungen: West-Vlieland im Jahr 1720, Museum Tromp’s Huys, Vlieland

Ein versunkenes Dorf und moderne Kunst: im Inselmuseum

Zurück im Ort bekam ich meine Gemüsekrokette, die groentenkroket und ging gestärkt ins Inselmuseum.

Im ältesten noch stehenden Haus der Insel befindet sich das Museum Tromp’s Huys. Es zeigt zum Teil die Geschichte der Insel, die Veränderung der Küstenlinie über die Jahrtausende, das Versinken des Ortes West-Vlieland, die Walfänger, Seefahrer. Es zeigt aber auch die Kunst der Inselmalerin Betzy Akersloot-Berg aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, sowie ein zeitgenössisches Portrait von Inselbewohnerinnen und Inselbewohnern.

Am interessantestes für mich war hier die Geschichte des Ortes West-Vlieland, der über Jahrhunderte dem Verschlingen durch die näher kommende Nordsee entgegensah, doch angesichts der Wucht der Nordsee und des Kaninchenfraßes am Dünengras machtlos zusehen musste.

Auch bemerkenswert waren zwei komplett eingerichtete Wohnstuben aus vergangenen Jahrhunderten. Ein interessanter Kontrast entstand durch moderne Skulpturen, in Form und Material verfremdete Schiffe des Künstlers Ludo van Well im Dachgeschoss des Museums.

Hafenpromenade Vlieland
Erste Reihe am Wattenmeer, Hafenpromenade von Oost-Vlieland

Als es Abend wurde, schlenderte ich zum Hafen

Und schon war der Tag rund. Eine Weile verbrachte ich noch am Hafen neben der Statue von Willem de Vlamingh, ein bedeutender Entdeckungsreisender, der auf Vlieland geboren wurde und testete ein Vlieländer Bier, das ‘Rampachtig’  heißt (zu dem ich aber keine weitere Info finden kann, seltsam!).

Der zweite Tag auf Vlieland bescherte mir traumhaftes Wetter und zeigte die Insel von seiner milden Seite. Auch wenn er angekündigt war, der Sturm blieb aus.

Fazit des Tages: Auch ein kleiner Turm kann eine hohe Leuchte sein.

Inseltagebuch bisher

Teil 1 des Inseltagesbuches Vlieland