RB51 Enschede - Dortmund im Bahnhof Enschede
Enschede International Train Station

Neulich fuhr ich mit der Westmünsterlandbahn von Lünen nach Enschede. Grenzüberschreitender Bahnverkehr. Aus alter Verbundenheit bin ich häufig in den Niederlanden unterwegs, wie aufmerksame Leser*innen dieses Blogs bereits wissen. Bis vor ungefähr 4-5 Jahren fuhr ich noch regelmäßig mit der Bahn, doch seit ich ein Auto nutzen kann, nur noch selten. Auch zum Beispiel nach Enschede fahre ich meistens mit dem Auto, obwohl das parken dort schwierig und auch deutlich teurer ist, als in Deutschland. Und obwohl die RB51 von meinem nächsten Bahnhof, von Lünen, in direkter Verbindung dorthin fährt.

Bahnfahren – das Land aus der Hintergartenperspektive

Bahnfahren, vor allem mit der Regionalbahn auf Nebenstrecken, eröffnet neue Perspektiven. Bekannte Ortschaften zeigen sich plötzlich und unerwartet aus einem anderen Blickwinkel. Kleingartenanlagen tauchen auf, wo ich nie welche erwartet hätte. Siedlungen erscheinen aus der Hintergartenperspektive, die bei der Durchfahrt mit dem Auto den Vorgarten präsentieren. Die Hintergartenperspektive ist nicht immer die schönste. Vermutlich gilt das besonders für Anwesen, die direkt an Bahnlinien liegen. Im Hintergarten stehen Spielgeräten herum, die seit 1993 nicht mehr bespielt wurden, Holzstapel, die seit 2007 nicht mehr gestapelt wurden und sich langsam selbst entstapeln. Die schönsten Schmuddelecken der 90er und 00er-Jahre. Hey, denke ich, das ist alles aus dem Fenster der RB51 zu sehen, zwei Mal die Stunde! Tut was, ihr Bahnstreckenbewohner!

Blick aus dem Fenster der Regionalbahn
Mit der Regionalbahn durchs Land: Hintergartenperspektive

Und die Bahnhöfe, na ja. Von Bahnhöfen sagt man ja, sie seien die Visitenkarten einer Stadt/Ortschaft. Auf den Bahnhöfen und Haltepunkten der RB51 sind sie eher wie Visitenkarte auf denen die Festnetznummer dick durchgestrichen, aber keine Handynummer hinzugefügt wurde.

Volgende station: Lüdinghausen

Auf der RB51 werden alle Haltestationen auch auf Niederländisch durchgesagt. Dagegen spricht auch zunächst gar nichts, denn sie fährt ja von Deutschland in die Niederlande. Oder anders herum.

Doch mal so betrachtet: wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der mit der Regionalbahn von Lüdinghausen nach Coesfeld fährt, erstens Niederländisch versteht und diese Durchsage ihm zweitens hilfreich ist? Der Wahrscheinlichkeit ist es zumindest egal, ob vorn am Triebfahrzeug Enschede oder Osnabrück steht!

Also wären doch eher Durchsagen auf Niederländisch für Einsteigende sinnvoll. Die gab es am Bahnsteig, soweit ich es in Lünen gehört habe, nicht. Denn hier ist tatsächlich Anlass für die Vermutung gegeben, dass Reisenden mit dem Ziel Enschede eine niederländischsprachige Durchsage hilfreich finden. Für Aussteigende ist sie überflüssig und in der Summe der vielen Durchsagen auch eher nervig. Ja, ich habe in einer guten Stunden zwölf Mal auf mein Gepäck geachtet! Zusätzlich zwölf weitere Male in het Nederlands! Auf der Rückfahrt okay, da erwarte ich auch östlich von Coesfeld Reisende die das schätzen oder denen es zumindest ein Willkommen im internationalen Zug suggeriert. Allein das finde ich, ist eine schöne Geste.

Doch auf der Hinfahrt: in Gronau stiegen alle aus. Alle, alle, bis auf Oli. Es stiegen neue ein, und erst hier vernahm ich erstmals im Zug tatsächlich Gespräche auf Niederländisch. Nicht, dass ich internationalen Zugverkehr blöd fände. Im Gegenteil: besucht einander! Besser mit der Bahn als auf der Autobahn. Tauscht Euch aus, lernt einander kennen, versteht Euch. Das Unbekannte kann ich fürchten, was ich kennenlerne nicht. Außer diese großen fetten Spinnen in der Nacht neben dem Bett …
Doch die einzige Botschaft der zweisprachigen Durchsage ist: Hallo: wir sind ein internationalen Zug!

Wie halten es denn die Kollegen bei den Nationale Spoorwegen?

Wie international ist denn die Gegenseite? Auf der Rückfahrt stieg ich bereits weiter westlich in den Zug ein, musste in Enschede umsteigen. Die gelb-blauen Züge der Nationalen Spoorwegen fuhren pünktlich getaktet von großen Bahnhöfen ab. Umsteigemöglichkeiten, für mich in Amersfoort, auf dem gleichen Bahnsteig vom Nachbargleis werden minutiös eingefedelt. Alles scheint problemlos zu funktionieren, trotz überfüllter Züge im Feierabendverkehr.

IC Enschede - Schiphol
Durch das Gitter: Umsteigen in Richtung Schiphol

Je weiter die Fahrt gen Osten geht, desto leerer wurde mein Zug von Station zu Station. Es überkam mich sogar das Gefühl, mich dem Ende der Welt zu nähern. Ich begann die Menschen die nicht ausstiegen, sondern im sich leerenden Zug verweilten, zu bedauern. Oh, du sitzt immer noch immer hier im Zug? So nah an diesem großen Nachbarland, das niemand bereisen mag? Zumindest nicht mit der Bahn?

Das internationale Gleis am Ende des Bahnhofs

Irgendwann näherte sich der Zug schließlich der Destination im äußersten Osten des Königsreichs. Eine große Mauer aus Schrankensperren musste ich überwinden, bevor ich den Bereich der Inlands-Bahnsteige verlassen konnte. Fahrkarte rauskramen, QR-Code scannen, Tor bleibt verschlossen. Nochmal scannen, nichts öffnet sich, nochmal, wieder nichts. Ja, ich habe einen Fahrkarte der Deutschen Bahn, aber ich will trotzdem hier durch. Scannen, Tor öffnet, endlich, ging doch.

Umsteigen in Enschede, Absperrung
Umsteigen nur mit Barcode

Der internationale Bahnsteig war unscheinbar, am anderen Ende, nicht geschützt durch Absperrgitter. Deutschland, Du Land der Unmoderne. Natürlich ist es positiv, dass ein Bahnsteig nicht wie ein Hochsicherheitsdingens gesichert ist. So wie beim Umsteigen in Brüssel-Süd nach London Kings Cross. Vergleichbar mit der Einreise in die USA! Doch so ein wenig internationales Flair, das darf man sich doch schon mal wünschen, oder?
Aber wie war es hier mit den Ansagen im Zug? Das fand ich viel erstaunlicher: die Durchsage im InterCity von Amersfoort nach Enschede vor Erreichen meiner Umsteigestation war in etwa Folgende, der Einfachheit übersetzt, auf Deutsch wurde von der niederländischen Bahngesellschaft nichts vermeldet.

In Enschede Centraal haben Sie Anschluss um 20:02 Uhr nach Glanerbrug von Gleis 4.

Oh, meinen Zug sagen sie gar nicht durch? Hm, na gut. Müssen sie auch nicht, es wollen wohl nicht so viele nach Dortmund!
Doch erst die folgende Erkenntnis traf mich hart. Ich bin ob des Ignorierens des internationalen Bahnverkehrs schwer getroffen: Der Zug nach Glanerbrug ist mein Zug nach Dortmund! 20:02 Uhr von Gleis 4. Glanerbrug ist der letzte Bahnhof in den Niederlanden, das Ende der Welt. Was danach kommt? Egal! Keinesfalls der Mühe einer Durchsage wert. Danke auch!

Nun denn, ich fand meinen Zug und kam pünktlich in Lünen an, bin ja ehemaliger Bahnprofi. Ab hier wurde jeder einzelne noch so unbedeutende Bahnhof liebevoll in der Nachbarsprache angekündigt. Auch wenn der letzte, der sie verstehen mag, von meiner Wenigkeit mal abgesehen, den Zug bereits in Gronau, wenige Kilometer hinter der Grenze verlassen hat.

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