In weiter Ferne, so nah – Signale aus dem Homeoffice

Grüße aus dem Homeoffice
2020 im Homeoffice (Symbolbild): “Hören Sie mich? Hallo? Hören Sie mich alle?”

Ich vermisse die Niederlande!

Wie geht es Euch? Haltet Ihr Abstand, haltet Ihr aus? Wie geht Ihr mit der Lage um?

Ich vermisse die Niederlande. Derzeit vermisse ich so viel! Doch vor allem (nach den persönlichen Kontakten) den Ausflug über die Grenze in die Niederlande. Zum Wochenmarkt, zum Einkaufen zum Wandern im Naturgebiet, den Museums- und Kinobesuch. Die Lektüre der Samstagszeitung in einem Café, das Bierchen in der Brasserie am Platz. Leichtigkeit, wo bist Du hin?

Natürlich war ich in diesem Jahr bereits in den Niederlanden. Doch die Zahl meiner Reisen und Ausflüge ins Nachbarland kann ich an einer Hand abzählen:

Das war’s auch schon, vermutlich wird in diesem Jahr kein weiterer Ausflug hinzu kommen.Und das ist natürlich vernünftig! Ich beschwere mich nicht über Einschränkung, bedaure aber zutiefst die Situation.

vol verwachting
Voller Erwartung auf bessere Zeiten: Haaksbergen im Sommer 2020

In den vergangenen Jahren, in denen ich das Blog speciaal schreibe, war ich sicherlich einmal im Monat dort, Im Sommer häufiger. Ich liebte den Samstag in Winterswijk oder Enschede. Seltener fuhr ich sogar für einen Tag an die Küste und besuchte auf dem Weg noch eine Stadt, die bisher nicht kannte. Selbst als es in den Sommermonaten erlaubt war, hielt ich mich damit jedoch zurück, da ich überflüssige Kontakte auch in dieser Zeit vermeiden wollte.

Aus dem Auge, aus dem Sinn

Doch nicht nur die wenigen Besuche im Nachbarland bekümmern mich. Sogar gedanklich rücken die Niederlande für mich zur Zeit ein Stück weiter in die Ferne. Ich schaue nicht so regelmäßig die Abendnachrichten auf NOS oder stöbere im Netz nach niederländischen Filmen. Der Grund: Die Sorgen wegen der Corona-Epidemie gehen nicht spurlos an mir vorbei. Fast dauerhaft hängt das Virus wie ein bleierner Umhang auf meinem Gemüt. Es gibt Tage der Lethargie, der Stimmungsschwankungen. Eine falsche Nachricht kann mich in ein großes Motivationsloch hineinziehen.

Ich vermute, dass es nicht nur mir so geht. Kennt Ihr solche Situationen? Wie geht Ihr damit um?

Natürlich gibt es auch sorglose Tage. Von einer Depression bin ich glücklicherweise weit entfernt. Ich versuche, mich um mich zu kümmern. Fast täglich nehme ich mir Zeit für Sport, gehe bei Sonnenschein spazieren und mache, wenn ich kann, einen Mittagsschlaf. Doch dann sehe ich aus dem Fenster und dort winkt die Realität. Das Leben mit dem Virus ist wieder da.

Marktplatz in Aalten
Seltene Gelegenheit im Jahr 2020: gesellig auf dem Marktplatz sitzen, hier in Aalten

Und wenn die Krise vorbei ist, was dann?

Meine persönliche Gesundheit ist dabei nicht meine größte Sorge. Viel mehr belastet mich die ungewisse Perspektive: Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Wird Kultur, die Gastronomie, das kleine Geschäft nebenan überleben können? Und woher kommen all die Ignoranten, das Hetzen in sozialen Medien, das Leugnen der Realität? Bleibt eine Spaltung auch in unserer Gesellschaft? Irgendetwas stimmt doch gerade ganz gewaltig nicht. Natürlich hat jede und jeder eigene Strategien, mit Krisensituationen umzugehen. Zum Teil ist das sogar nachvollziehbar. Und doch nimmt gerade der krankhafte Umgang mit der Krise einen großen Anteil der öffentlichen Wahrnehmung ein. Das alles bereitet mir große Sorge. Eine Antwort oder eine Patentlösung habe ich auch nicht. Derzeit möchte ich nicht Politiker sein und entscheiden, ob eine Gaststätte, ein Theater oder eine Schule schließen muss. Ich bin froh, dass ich meine Arbeit weitestgehend im Homeoffice erledigen kann. Darüber hinaus versuche ich jeden nicht notwendigen persönlichen Kontakt zu vermeiden.

Fußgängerzone De Koog
Achtung Gegenverkehr: geteilte Fußgängerzone in De Koog (Texel)

Und wie hält es das Nachbarland?

Doch da ist noch ein Aspekt. Neben der physischen und gedanklichen Ferne zum Nachbarland geht mein Blick meist mit Sorge in das Land der Polder und Windmühlen. Im Frühjahr waren die Infektionszahlen bereits um ein Vielfaches höher, als bei uns. Und im September schnellten die Zahlen zusehends in die Höhe.

Einerseits habe ich immer die Freiheitsliebe und die Leichtigkeit der Menschen dort bewundert. Im Moment erschreckt mich jedoch die Unbedarftheit der Niederländerinnen und Niederländer. Bei meinen Besuchen im Sommer, als es bei uns längst Pflicht war, eine Maske zu tragen, war ich in den niederländischen Supermärkten oft der einzige mit Gesichtsbedeckung. Inzwischen gilt die Maskenpflicht, sowie andere Auflagen, auch in den Niederlanden. Und die Zahl der getesteten Neuinfektionen mit dem Corona-Virus sinkt. Doch das späte Reagieren mit Maßnahmen hat sicher dazu geführt, dass die Infektionszahlen deutlich höher sind, als bei uns.

Vergleich: Corona-Zahlen in den Niederlanden und in Deutschland:
Die Niederlande haben bisher rund 27.600 positiv getestete Coronafälle auf 100.000 Einwohner, Deutschland 10.700. In den Niederlanden starben 514 Menschen mit dem Virus pro 100.000 Einwohner, in Deutschland 168  (Quelle: worldometers.info, Stand 20.11.2020).
In den Niederlanden war die Kapazität der Intensivbetten in Krankenhäusern zeitweise und regional ausgelastet, sodass einige Patient:innen in Deutschland behandelt wurden. Die Niederlande verfügen mit 7 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner über deutlich weniger Kapazität als Deutschland, hier sind es 34 pro 100.000 Einwohner (Quelle: NiederlandeNet, Stand 07.04.2020)

Wünsche, Hoffnungen

Mein Wunsch ist es, im kommenden Frühling wieder ohne Sorge über die Grenze fahren zu können. Ich möchte auch im kommenden Jahr wieder eine Insel besuchen, am Strand spazieren und danach im Pavillon einkehren. Ob das realistisch ist, werden die kommenden Monate zeigen. Es hängt vor allem davon ab, wie vernünftig wir jetzt sind, auch wann eine Impfung verfügbar ist und wie schnell diese verteilt werden kann.

Ich bleibe optimistisch, auch wenn mir klar ist, dass das kommende Jahr für Reisen ganz sicher noch nicht normal sein wird. Ich wünsche Euch, wo immer Ihr diesen Artikel lest, viel Gesundheit und kommt gut durch diese verrückte Zeit!

Weitere Links:

Hier trage ich aktuelle Informationen zur Corona-Lage zusammen

Bei nach-holland.de ist die aktuelle Information zur Lage noch detaillierter

Tipps für virtuelle Reisen in die Niederlande, Artikel vom 8. April 2020

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Über Oliver

Oliver Hübner ist Blogger und Autor - Webtextler und Westostler. Begeistert für drop, fiets, patat, Amsterdam, noordzee, stroopwafels und Nederlands praten, kurzum, für das schöne Land an Maas und Waal. Geboren in Unna, Studium in Berlin und Amsterdam, pendelt zwischen Ruhrgebiet und Mecklenburg-Vorpommern.

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