Strand bei Renesse
Und plötzlich das Meer

Renesse, den 6. September 2018

Über die Brücke auf die Insel – Schouwen-Duiveland

Es ist schon ein seltsames Gefühl: auf eine Insel zu fahren und lediglich über einen Damm und eine Brücke dorthin zu gelangen. Ohne Fähre, ohne Schiff, ohne nasse Füße, ohne dem Schaukeln der Wellen ausgesetzt zu sein. Ohne das Wasser in seiner

elementaren Kraft zu spüren. Aber ich bin mir sicher: ich bin auf einer Insel. Das habe ich überprüft. Ich habe es heute sogar gehört. Das ist die Insel, wurde mir auf der Landkarte am Hotelempfang erklärt!

Ich bin auf Schouwen-Duiveland, im Süden der Niederlande in der Provinz Zeeland. Zeeland ist bekannt für Muscheln. Zudem ist es vermutlich Namenspate von Neu-Seeland. So viel zu Dingen, mit denen ich hier noch nichts zu tun hatte. Nun aber zu dem, was ich hier und heute tatsächlich erlebt habe, zum Inseltagebuch Schouwen-Duiveland, erster Teil. Die kleine Serie “Inseltagebuch” geht also ins zweite Jahr.

Bewegender Moment 1: endlich das Meer erblicken

Meine Erlebnisse heute, das sind vor allem zwei bewegende Momente. Der erste, als ich über die letzte Düne trat und das weite Meer erblickte. Das ist soweit ich mich erinnern kann, schon immer ein Moment gewesen, der mich überwältigt. Auch wenn ich heute bereits reichlich Wasser erblickte, in Form der gezähmten, östlich der Insel liegenden Binnenmeere, war es doch gewaltig, über die Düne zu schreiten und dem Meer von Angesicht zu Angesicht entgegen zu treten. Der Duft nach Salz und Algen, wenn man sich nähert. Etwas später das Rauschen der Wellen, das man vernimmt, noch bevor man sie zu Gesicht bekommt. Das Herz schlägt schneller. Vielleicht weil der Marsch die Dünen auf und ab schon sportlich ist, vermutlich aber vor allem, weil dieser Moment sich andeutet, mit jedem weiteren Schritt.

Enttäuschend ist es, wenn man sich bereits auf der letzten Düne wähnt, oben angekommen aber noch ein nächster, höherer Hügel erscheint. Das war heute nicht mein Schicksal. Es gab nur eine Düne am Strand nordöstlich von Renesse. Am Ende der Straße, eine Treppe hinauf. Es schien fast ein wenig unscheinbar, denn die Düne war sogar etwas bewaldet. Nicht die typischen Dornenbüsche und das Sandgras, die fand ich erst auf dem Rückweg in den Ort, weiter westlich. Aber der Duft des Meeres erfüllte schon die Luft und das Rauschen der Wellen war deutlich zu vernehmen. Also hinauf und tatsächlich, oben angekommen tat sich der große Ozean auf, das riesige Wasser, der unendlich scheinende Horizont. Luft, Wind, Weite. Ich blieb wohl für einen Moment andächtig stehen, ließ den Blick schweifen. Luft einsaugen. Und dann ganz langsam hinunter. Das Meer, es war ein Stück weit weg, es war Ebbe und der Strand an dieser Stelle breit. Ich hielt die Nase in den Wind. Laufen, einfach laufen.

Strand auf Schouwen-Duiveland
Weiter Strand auf Schouwen-Duiveland

Bewegender Moment 2: das Meer immer noch sehen, dabei aber windgeschützt sitzen

Laufen, bis zum zweiten bewegenden Moment: den Strand verlassen, aber eben noch nicht ganz. Sondern nur hinter die schützende Glasscheibe am Strandpavillon, die den Blick auf das Meer ermöglichst, aber Schutz vor Wind und Wetter bietet. Es war heute recht sommerlich, wenn die Sonne herauskam ordentlich warm, doch lief ich am Strand gegen den Wind. Der blies, dass ich beinahe einen Halsschutz vermisste. Doch dann am Platz, der noch am Meer, halb am Strand ist, doch gemütlich windgeschützt, ein Logenplatz mit bester Aussicht.

im Haven van Renesse
Logenplatz mit Aussicht: Das Meer hinter Glas im Haven van Renesse

Das Gesicht pochert, wenn es sich wieder aufwärmt, Blut durchströmt den ganzen Körper. Der Spätsommer zeigt hier, wie warm er sein kann, wenn nicht die Elemente die wärmende Kraft rauben. Etwas höher sitzend wandert der Blick in die Ferne, den Horizont entlang. Kitesurfer, Containerschiffe, sogar der Hafen von Rotterdam ist zu erahnen. Und direkt gegenüber eine Sandbank, auf der so seltsame Punkte zu sehen sind. Seehunde? Seehunde! Tatsächlich. Hunderte! So dicht vor dem Stand wie hier habe ich sie bisher noch nicht gesehen.

Seehunde auf der Sandbank
Sie robben sich in der Sonne: Seehunde auf der Sandbank

Und was war sonst noch – Regen, Rituale, Pizza ohne Speck

Am frühen Nachmittag war ich auf Schouwen-Duiveland angekommen, nach vier Stunden gemütlicher Fahrt inklusive Pause. Mein erster Blick auf die Insel war durch eine gewaltige Regenfront getrübt. Auf dem Damm durch das Grevelingenmeer war die Hafenstadt Bruinisse nur zu erahnen. Eine dunkle Wolkenfront schien sich hier komplett zu entleeren. Glücklicherweise wechselte das Wetter rasch. Zierikzee, die größte Stadt auf Schouwen-Duiveland, erreichte ich bereits bei Sonnenschein. Mein erster Stopp. Ich schlendern durch die schmalen Gassen der Altstadt und der Einkaufszone. Es war Wochenmarkt, die Stadt gut besucht.

Mein Rituale: ein Snack. Friet speciaal zum Einstand. Zierikzee werde ich in den nächsten Tagen nochmal einen Ausflug widmen. Jetzt sollte es erst einmal weiter gehen nach Renesse.

Mein Hotel De Logerij liegt etwas außerhalb der Ortsmitte, ein Stück in Richtung Strand. Renesse ist ein lebendiger Ort, beliebt bei deutschen Touristen und auch jetzt noch in der späteren Saison gut besucht. Der Ortskern bietet reichlich Auswahl an Gastronomie. Das Angebot: Fisch und Fleisch gab es fast auf jeder Karte und natürlich die Zeelandse Mosselen, Miesmuscheln. Die habe ich vor einigen Jahren getestet, mich aber nicht für sie erwärmen können.

Ich suchte ein vegetarisches Mahl, hier war die Auswahl schon schwieriger. Kein Veggieburger in der Burgerbar und auf jeder Pizza Salami, Schinken oder Speck. Die beste Auswahl hatte das Zeerust am Aufgang zum Strand, aber nochmal bis ganz aus dem Ort raus? Nö! Das mache ich besser morgen mit dem fiets, das ich mir leihen werde!

Ich landete bei The Italian Cuisin, im Obergeschoss an der Dorfstraße. Modern doch stilvoll eingerichtet, ein wenig erinnerte es an eine Eisdiele in edel. Die Pizza war köstlich und ohne Speck.

Dorfkirche Renesse
Dorfkirche Renesse

Das Monument der Strandpfähle

Auf dem Rückweg vom Strand ins Dorf hatte ich eine interessante Begegnung mit einem Kunstobjekt. Strandpfähle mit übergroßen Strandutensilien. Das war insofern lehrreich, da ich nun weiß, welche Bewandtnis die Strandpfähle haben. Natürlich hat man sie alle irgendwie schon gesehen und registriert, die Holzpfähle, von denen es über 2000 an der niederländischen Küste gibt, meist im Kilometerabstand mit zusätzlichen Zwischenpfählen.

Strandutensilien, Strandpfähle
Strandutensilien, Strandpfähle, Kunst mit Bildungsauftrag

Sie sind nummeriert und oft heißt ein Strandpavillon wie sein benachbarter Holzpfahl: Paal 17 zum Beispiel. Aber weshalb gibt es sie? Im Jahr 1840 wurden sie als Referenzpunkte aufgestellt, um die Bewegung des Strandes, also den Verlust und das Anspülen von Sand, messen zu können! Wieder was gelernt.

Und morgen wird gefietst!

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Das Inseltagebuch 2018 ist der zweite Teil der Serie, die 2017 mit einem Besuch auf Ameland begann.