Strumflut, Tafel im Waternoodmuseeum, Ouwerkerk
Nationale Katastrophe: der 1. Februar 1953

Renesse, den 8. September 2018

Zeeland heißt das Land am Meer. Es lebt mit dem Meer, mit dem Rhythmus der Gezeiten. Das Wasser ist sein Taktgeber, sein Schicksal und ist allgegenwärtig in der südwestlichen Provinz der Niederlande.

Die große nationale Katastrophe, die Sturmflut vom 1. Februar 1953 hat Zeeland ganz besonders heimgesucht. Hier sind die ersten Dämme gebrochen, die meisten Dämme gebrochen und die meisten Todesopfer der Sturmnacht und der Folgetage zu beklagen. Für Zeeland war die Sturmflut das Signal, großes zu vollbringen: nicht weniger als die Nordsee und die Flussarme der Scheldemündung zu zähmen, die Wassermassen zu bändigen.  Für den Fall der Fälle, wenn die nächste Jahrhundertsturm die Küste Zeelands heimsucht.

Zwei Museen, zwei Konzepte

Mein Tag stand heute ganz im Zeichen der großen Sturmflut von 1953 und dem daraus resultierenden Deltaplan, der im Namen des Küstenschutzes einem technischen Weltwunder gleichkommt.

Zwei Stationen, zwei Geschichten. Die Deta-Expo im Deltapark Neeltje Jans erzählt anschaulich und erlebbar die Sturmnacht und wie daraus die Idee zur technischen Beherrschung der Naturkräfte entstand. Von der ersten Planung bis zur Eröffnung der Schelde-Barriere im Jahr 1985, mehr als 30 Jahre nach dem Jahr der großen Flut.

Das Watersnoodmuseum in Ouwerkerk bei Zierikzee berichte anschaulicher von den Schicksalen und Tragödien, dokumentiert zeitgeschichtlich die Katastrophe und die Aufbauarbeiten. Die Ausstellung dort gedenkt, erinnert, lässt die Toten nicht in Vergessenheit geraten. Zwei Ausstellungen, zwei Konzepte. Beide standen heute auf meinem Plan.

Delta Expo Neeltje Jans

Neeltje Jans ist eine künstliche Insel, die in der Scheldemündung entstand, als logistischer Ort zur Errichtung der Schelde-Barriere. Dort ist auch die Ausstellung Delta-Expo zu besichtigen, die über das Jahrhundertprojekt der Eindämmung der Schelde aus technischer Sicht berichtet.

Scheldekering
Scheldekering, das Bollwerk gegen die Flut

Beeindruckend ist die nachgestellte Sturmnacht des 1. Februar 1953. Den ersten aufziehenden Sturm, erlebt man eindrücklich durch das Fenster eines Schlafzimmer heraus. Die Uhr schlägt, die Nacht nimmt ihren Lauf. Das Fenster springt mit lautem Knall auf. Nun geht es hinaus. Als wäre man in der Nacht mitten auf dem Deich, betrachtet man in einer Rundumprojektion die Deichschutzarbeiten, Funken schlagende Elektroleitungen, tosende Wellen, schwankende Schiffe und Rufe. Dann das Wasser, Häuser stürzen ein, die Katastrophe!

 

Animation: Sturmnacht 1953
Eindringlich: Mitten drin auf dem Deich … Animation im Delta-Park Neeltje Jans

Natürlich fehlen die Kälte der Februarnacht, der Wind und die Gischt im Gesicht, doch optisch ist es eine wirklich eindrucksvolle Darstellung, die mir sehr nahe ging. Wohl beabsichtigt.

Scheldekering – das Schelde-Sperrwerk

In einem 30-minütigen Film wird der Bau des Deltasperrwerks erzählt, weiter Erklärungen der Technik sind anhand von Modellen und im Außenbereich auch von Originalmaschinen dargestellt. Maschinen, die zuvor im Film zu sehen waren, die neben dem gewaltigen Sperrwerk winzig schienen, in natura jedoch riesig sind. Beeindruckend, doch für eine derart aufwendige Ausstellung, hätte ich mehr mir mehr Erklärungen gewünscht. Eine Führung durch das Sperrwerk ist mehrmals am Tag möglich, die habe ich allerdings nicht mitgemacht.

Der Außenbereich ist mit einigen Attraktionen gespickt: ein Wasserspielplatz, der kleine Deichbauerinnen und Deichbauer ganz sicher inspiriert, Wasserrutschen, Seehundbecken, Seelöwenarena mit mehreren täglichen Fütterungen, das Zeeland-Aquarium mit einem Haifischbecken und ein Walerlebnispavillon.

Insgesamt bietet der Deltapark viel zum Erleben, hätte ich mir mehr Information zum technischen Projekt des Sperrwerks gewünscht. Das gebotene war aber sehr anschaulich präsentiert, insbesondere die Animation der Sturmnacht.

Wasserspielplatz im Deltapark
Da schlägt das Deichbauherz höher: Wasserspielplatz im Deltapark

Auch die Gastro darf nicht fehlen: original Krokettengefühl aus Gemüse

In der Gaststätte probierte ich die köstlichen Gemüsekroketten. Die trafen irgendwie genau den typischen Geschmack und die typische Konsistenz der Kroketten, wie ich sie von früher kannte und liebte. Was macht wohl diesen typischen Krokettengeschmack aus? Ich denke ein besonderes Gewürz, Majoran? Recherchen ergeben: entweder Maggi oder Gemüsebrühe mit Pfeffer, Cayennepulver und Paprika. Auch entscheidend ist die Konsistenz, die Kartoffelpüree mit Gemüsestücken ebenso gut hinbekommt, wie das Kalbfleischragout. Ich habe mal Krokette vegetarisch getestet, die war mit Spinat und Fetakäse gefüllt, sehr köstlich, doch fehlte das typische Krokettengefühl, also Gewürze und Konsistenz. Insofern: hier die beste original-holländische Gemüsekrokette bisher

Über die Nachbarinsel zum Wassernotmuseum

Da ich auf Neeltje Jans bereits die Insel Schouwen-Duivenland verlassen hatte, konnte ich die südliche Route weiter nach Zierikzee wählen. Der Weg führte mich über Noord-Beveland und über die fünf Kilometer lange Zeelandbrücke zurück. Die Zeelandbrücke ist sehr markant und überspannt weiter östlich die Oosterschelde. über diese Brücke fuhr ich in den frühen 1990er-Jahren mit dem Fahrrad, auf einer Radtour entlang der Nordseeküste.

Watersnoodmuseum Ouwerskerk
Watersnoodmuseum im Deichschutzcontainer

Erinnern, Gedenken, Aufbauen: Waternoodmuseum

In Ouwerkerk, wenige Kilometer östlich von Zierikzee, liegt das Watersnoodmuseum. Es erscheint zunächst wie ein Bunker in der Landschaft. Das Watersnoodmuseum ist in vier Betonkästen untergebracht, die sich aber in der Ausstellung als absenkbare Wellenbrecher oder Deichkästen erklären. Ouwerkerk war 1953 einer der Orte, die am schwersten von der Sturmflut betroffen waren. Mehrere Deichbrüche, der Ort stand unter Wasser, viele Menschen ertranken, viele Gebäude wurden beschädigt. Königin Juliana besuchte den Ort um sich ein Bild von der Lage zu machen und den Menschen Trost zu spenden.

Die Flutnacht selbst mag man sich kaum vorstellen. Eiskaltes Wasser, Regen, Schnee. Alle, die bei Kräften waren, halfen das Wasser abzuwehren und die Deiche zu verstärken. Die Kirchenglocken meldeten Sturmalarm, doch alle Maßnahmen halfen nichts:  Deich um Deich brach, erst die seeseitigen Außendeiche, später auch Binnendeiche. Weite Landstriche, vor allem der Zeeländischen Inseln, waren unter Wasser. Am nächsten Tag traf eine erneute Sturmflut die Region und brachte erneut Wassermassen ins Hinterland. Rund 1800 Niederländerinnen und Niederländer starben in der Nacht und an den folgenden Tagen. Viele ertranken, viele starben an Unterkühlung, da sie über Stunden den kalten Fluten ausgesetzt waren.

… wie fragil ist doch der Boden auf dem wir stehen …

Die Ereignisse des Jahres 1953 und die immensen Bemühungen danach zeigen, wie fragil doch die menschliche Existenz auf dem Land ist.

Die Ausstellung widmete sich im Schwerpunkt der Dokumentation der Flut und der Aufbauarbeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch das Andenken an die Flutopfer zu bewahren und der nationalen Trauer einen Platz zu gegeben. Doch auch der Blick über den Tellerrand hinaus und der Blick in die Zukunft finden Platz. Welche Teile der Welt sind von Flut bedroht? Was geschieht bei kommenden Fluten? Wie soll man reagieren, was auf den Dachboden mitnehmen. Wie sieht unser Planet aus, wenn das Wasser um 30, 40, 80 Meter steigt?

Diese Gedanken konnte ich von der Ausstellung in den Nachmittag mitnehmen. Die Insel und die vielen Deiche betrachtete ich nun mit anderen Augen.

 

Brouwershaven
Brouwershaven, Flagge und Statue von Jacob Cats

Schöne Hafenstadt mit Dichter: Brouwershaven

Was also anfangen mit dem restlichen Nachmittag? Zierikzee habe ich auf morgen vertagt, auf den Abreisesonntag, den dort möchte ich mir mehr Zeit nehmen. Brouwershaven erscien mir auch einen Besuch wert. Eine Hafenstadt im Norden der Insel. Der Jachthafen reicht als Stichhafen bis zum zentralen Platz des Ortes. Rund um den Platz befinden sich in den schmuckvollen Giebelhäusern einige Geschäfte und Restaurants. Auch, wenn die Auswahl nicht so groß ist, lohnt sich ein Besuch in Brouwershaven.

Zurück in Renesse

Zurück in Renesse. Joggen durch die Dünen und über den Strand. Grandios! Später habe ich mich ins Gewühl gestürzt. Blaskapellen belagerten die  Ortsmitte von Renesse. Heute waren sie sogar auf vier Bühnen gleichzeitig zugange. In Hörweite voneinander. Einmal durch den Ort zu gehen, brachte so interessante Hörerlebnisse mit sich. Zwischen Oh when the Saints und Dancing Queen. Stolz bin ich, da ich nun auch einige niederländische Gassenhauer erkenne!

Wein am Strand
Romantisch oder kitschig? Das Glas Wein zum Sonnenuntergang am Strand …

Direkt neben einer der Blaskapellenbühnen an der Dorfkirche kehrte ich für das Abendessen ein, im Wapen van Zeeland. Es gab bunten Salat mit Oliven und Schafskäse. Gut und reichlich. Der Rückweg führte mich noch mal über den Strand. Beinahe hätte ich die Gelegenheit gehabt, hier einen echt kitschigen Sonnenuntergang zu bestaunen. Hätten sich nicht in letzter Minute noch Wolkenbänder vor die Sonne geschoben! Tja, es geht nicht immer perfekt. Romantisch war es dennoch und beinahe perfekt, mein Abschiedsabend vom Strand von Renesse.

Für morgen habe ich noch zwei Programmpunkte geplant, bevor es zurück nach Hause geht.

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Das Inseltagebuch 2018 ist der zweite Teil der Serie, die 2017 mit einem Besuch auf Ameland begann.