Vermeer: View of Delft
Vermeer: View of Delft – Public Domain, Mauritshaus, Den Haag

Prächtige Grachtenhäuser, historische Innenstädte, romantische Kanäle: Vieles, was die Niederlande heute ausmacht und charakterisiert hat seine Wurzeln vor mehreren hundert Jahren. Vor rund 400 Jahren, um genau zu sein: im Goldenen Zeitalter der Niederlande. Es wird auch als das Goldene Jahrhundert bezeichnet und umfasst in etwa das 17. Jahrhundert. Mächtige Handelsflotten bereisten die Weltmeere, die Niederländische Ostindien-Kompanie, später auch die Niederländische Westindien-Kompanie, hatte Handelsposten rund um den Globus. Einige gegründet, andere erobert. So war das üblich damals. Waren kamen aus fernen Ländern in die Handelshäuser von Amsterdam und anderer großer Hafenstädte an Noord- und Zuiderzee.

Noch heute zeugen die prunkvollen Grachtenhäuser in den historischen Innenstädten von Amsterdam, Hoorn oder Middelburg von der Zeit des Goldenen Jahrhundert und dem Reichtum, den Handelsfamilien in dieser Zeit erwirtschafteten.

Religiöse Toleranz – religiöser Zwist

Dabei waren die politischen Umstände für eine wirtschaftliche Blüte nicht unbedingt ideal: die Niederlande gab es damals noch nicht als eine vereinte Nation. Statthalter herrschten in den Provinzen, die der spanischen Krone unterstanden.

Zwar hatten sich unter Willem van Oranje, (Wilhelm I. von Oranien) 1581 die sieben nördlichen Provinzen der Niederlande zur Republik der Sieben Vereinigten Provinzen zusammengeschlossen, Wilhelm war ihr Statthalter. Diese konnte sich jedoch erst 1648 ganz von der spanischen Besatzung loslösen. Wilhelms Politik folgte der religiösen Toleranz, was stark zum wirtschaftlichen Aufschwung gegen Ende des 16. Jahrhunderts führte. Das war eine der wesentlichen Voraussetzungen für das Goldene Zeitalter.

Nach Wilhelms Tod waren die Provinzen allerdings erneut zerstritten. Religiöse Strömungen innerhalb der Provinzen sorgten für Unruhe. Über 80 Jahre herrschte Krieg, einerseits gegen die Besatzung, anderseits auch unter den Anhängern unterschiedlicher religiöser Gruppen.

Amsterdam Reguliersgracht
Amsterdam Reguliersgracht – CC BY-SA 3.0

Katholiken, Calvinisten, Remonstranten

Der Beginn des 17. Jahrhundert stand in den Niederlanden unter dem Zeichen des Religionsstreits der Remonstranten und der Calvinisten. Dabei ging es um die Auslegung der Prädestinationslehre. Die Calvinistische Kirche vertrat die Ansicht, allein Gott bestimme über das Schicksal eines Menschen nach dem Tode und zwar bereits vor dessen Geburt. Alles irdische Tun hat keinen Einfluss auf das Schicksal. Im Bild des 17. Jahrhunderts also darauf, ob der Weg ins Fegefeuer führt oder zum Ewigen Leben.

Der remonstrantische Glauben sah den Menschen dem Himmel nicht ganz so ausgeliefert. Ein gottgefälliges Leben wurde nach dem Tod belohnt.

Dieser Streit war Anlass für Staatsstreiche, Hinrichtungen und Aufstände. Als die Calvinisten, eigentlich die Kontraremonstranten, schließlich siegten, konnte man sich wieder dem gemeinsamen Feind widmen, dem katholischen Spanien.

Das klingt ein wenig nach Volksfront von Judäa gegen Judäische Volksfront: Ach, die Römer sind ja auch noch da! Doch ist es einfach aus der Rückschau den Ernst der Lage zu verkennen, die spanische Inquisition hat wegen geringerer Verstöße zugeschlagen.

Umso mehr waren die Niederländer bestrebt, die Religion nicht mehr zum Zwist und damit zum Schaden der eigenen Prosperität werden zu lassen. Der Kampf für die Unabhängigkeit von Spanien war vor allem ein Kampf für Religionsfreiheit, von dem die Vereinigte Republik später durch Zuwanderung verfolgter Gruppen profitierte.

Was waren die Gründe für den Aufstieg der Niederlande zur Weltmacht?

Die Niederlande zählten zu Beginn des 17. Jahrhundert etwa zwei Millionen Einwohner. Rohstoffe besaß das karge Land kaum, im Gegenteil: das Land musste trockengelegt werden, Moore wurden urbar gemacht, um dort Ackerbau zu betreiben.Es war auch die Zeit, als in großem Maße Polder angelegt wurden.

Doch der Mangel geriet auch zum Vorteil. Durch die Not, Getreide einführen zu müssen, baute sich um Amsterdam ein europäisches Handelsnetz aus. Und auch wenn zwei Millionen Einwohner aus heutiger Sicht wenig ist, waren die Niederlande das am dichtesten besiedelte Gebiet in Westeuropa. Bereits etwa die Hälfte der Bevölkerung lebte in Städten. Und auch die Bauern waren besser gestellt, als in vielen anderen Teilen Europas, wo Landarbeiter oftmals Leibeigene waren.

Holländische Fleuten um 1647, Radierung von Wenzel Hollar
Erfolgsmodell auf allen Weltmeeren: Holländische Fleuten um 1647, Radierung von Wenzel Hollar

Gesellschaftliches Ansehen war nicht in erster Linie ständisch, sondern war vom Vermögen abhängig. So gelangten reiche Kaufleute schnell auch zu Ansehen und politischem Einfluss. Das wiederum erleichterte den Handel, da die Politik stark auf Handel und Seefahrt ausgerichtet wurde.

Weltliche Politik, Handel, Seefahrt und technischer Aufschwung waren die Triebkraft des Goldenen Zeitalters.

Die Kombination von weltlicher, auf Handel und Seefahrt ausgerichteter Politik, gemeinsam mit technischem Aufschwung waren die Triebkraft des Goldenen Zeitalters. Vor allem die Entwicklung des Schiffstyp Fleute, die deutlich schneller war und mehr Ladefläche pro Besatzung aufwies, brachte einen entscheidenden Vorteil im europäischen Handel. Mit der 1602 gegründeten Niederländischen Ostindienkompanie begann der Aufstiegt zur Handelsmacht auf den Weltmeeren.

Mit dem Westfälischen Frieden 1648, der auch das Ende der spanischen Besatzung und die erstmalige Unabhängigkeit der Niederlande brachte, begannen 20 Jahre der maximalen Blüte im Goldenen Zeitalter der Niederlande. Die Kolonien erwirtschafteten enorme Gewinne, im Jahr 1670 segelten 15.000 Schiffe unter niederländischer Fahne. Etwa jedes Zweite weltweit zu jener Zeit.

Mit dem Handel kamen, Kunst, Architektur und Wissenschaft

Mit dem Aufstieg reicher Händler in den niederländischen Städten, wuchs ihr Bedarf, Reichtum, Macht und Einfluss nach Außen hin zu zeigen. Es war die Zeit der großen Portrait-Maler. In Amsterdam vor allem Rembrandt van Rijn. Sein Name ist fest mit dem Goldenen Zeitalter der Niederlande verbunden.

Auch gelang durch eine regelrechte Bildungsoffensive ein im damaligen Europa einmaliger Wissensstand in weiten Teilen der Bevölkerung, allem voran der höchste Grad der Alphabetisierung.

Als Architekturstil war der Holländische Klassizismus für das Goldene Zeitalter prägend. Dieser löste etwa 1620 den Renaissance-Stil ab und war prägend für die Stadterweiterungen, etwa der Amsterdamer Grachtengürtel. Sowohl Landhäuser, als auch kleinere Stadtpaläste entstanden in diesem Baustil. Vor allem auch die verzierten Giebelhäuser an den Grachten, die heute ‘typisch holländisch’ ausmachen, die Grachtenromantik.

Stadtentwicklung von Amsterdam

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich vor allem Amsterdam zu bedeutendsten Stadt der Niederlande, die äußeren Grachtengürtel entstanden, dort fanden zu Wohlhaben gekommene Händler Platz für ihr Lagerhäuser mit Anschluss an die Grachten, die wichtigsten Transportwege der Zeit.

Amsterdam wächst: Stadtausbau im 17. Jahrhundert

Das Katastrophenjahr

Doch auch eine Erfolgsgeschichte hat irgendwann ein Ende. Für das Goldene Zeitalter der Niederlande waren missgünstige Nachbarn der Anfang vom Ende. Und das gerade einmal 24 Jahre nach dem Westfälischen Frieden.

Das Jahr 1672 geht als rampjaar in die niederländische Geschichte ein, als Katastrophenjahr. England, Frankreich und die Bischöfe von Münster und Köln erklären den Niederlanden den Krieg. Das florierende Land wird missgünstig beäugt, dem wollten die Nachbarn wohl Einhalt gebieten. Nach bereits zwei Jahren konnte 1674 Frieden mit Köln, Münster und England geschlossen werden, 1678 auch mit Frankreich. Doch erholte sich die NL nicht mehr von den Kriegsstrapazen, das Katstrophenjahr läute das Ende der Goldenen Zeitalters ein.

Themenjahr: Rembrandt und das Goldene Zeialter

Anlässlich des 350. Todestages des berühmtesten Malers der Niederlande, Rembrandt van Rijn, hat das Niederländische touristische Marketing das Themenjahr Rembandt und das Goldene Zeitalter ausgerufen. Es finden 2019 viele Austellungen rund um den berühmten Maler statt und zum Goldenen Zeitalter wurde eine Reisestrecke erstellt.

Fazit, Anmerkung des Autors

Das Thema Goldenes Zeitalter der Niederlande ist ein sehr umfassendes Thema und kann an dieser Stelle nur gestreift werden. Da es aber so charakteristisch für das Grachten-und-Giebel-Holland ist, das ich so schätze, gehört ein Artikel zu diesem Thema auf’s Blog.

Diesen Artikel werde ich sicherlich von Zeit zu Zeit aktualisieren, da ich einige Themen noch gar nicht berücksichtigt habe, wie etwa die negativen Seiten der Kolonialzeit. Denn der ungeheure Reichtum entsteht ja nicht aus dem Nichts! Auch dieser Aspekt gehört zum Goldenen Zeitalter. Auch sind einige Zusammenhänge so komplex, dass ich ihre Wechselspiele noch kaum erfasse. Also: ich bleibe dran.

Eine große Hilfe bei diesem Artikel ist mir das Buch ‘Die Geschichte der Niederlande’ von Friso Wielenga.
(Wielenga, F. (2012). Die Geschichte der Niederlande. Stuttgart: Reclam.)

2017 durfte ich ein Interview mit dem Autor für den Polderblick-Podcast aufnehmen.

Weitere Links

Goldenes Zeitalter (Niederlande), Artikel auf Wikipedia

Kunst im Goldenen Zeitalter bei ‘Das kreative Universum’